Zerknitterte Hoffnung

Zwei traumatisierte Teenager lassen ihren Emotionen auf völlig untypische Weise ihren Lauf. Jörg-Peter Koch geht verunsichert an ihnen vorbei. Doch dann erinnert er sich daran, dass Menschen, die unter einem posttraumatischen Stresssyndrom leiden, zu extremen Verhaltensweisen neigen. Wie soll er reagieren?

„Gib es mir! Gib es her.“ Wir befinden uns im Norden Japans. Ein paar Meter vor mir stehen zwei Teenager auf einem Weg, der sich einen kleinen Berg hinauf schlängelt. Ein Junge schreit mit sich überschlagender Stimme immer wieder: „Gib es mir, gib es mir!“

Er hat ein Mädchen gepackt und schüttelt es wild. Als ich mich den beiden nähere, lockert der Junge seinen Griff und zischt ihr noch einmal ein furchteinflößendes: „Gib es her!“ ins Ohr.

Es ist eine apokalyptische Szene. Im Vordergrund die beiden traumatisierten Teenager. Hinter ihnen das Tal mit den Überresten der Stadt Kamaishi. Noch weiter im Hintergrund thront eine große Buddha-Statue über dem Trümmerfeld.

„Hör auf, das Mädchen zu belästigen!“ rufe ich. Dies ist der ungewöhnliche Anfang eines bewegenden Gesprächs. Der Teenager erzählt mir, dass dieser zerstörte Landstrich für ihn keine Heimat mehr sein kann.

Ich denke an ein verschlissenes und zerknicktes Traktat, das ich seit Monaten in der Hosentasche mit mir herumtrage. Soll ich es ihm geben? Als ich es aus der Tasche ziehe, starre ich wie gebannt auf den Titel: „Deine Heimat bei Gott.“ Mitten in das Chaos dieses traumatisierten Teenagers spricht Gott durch ein Traktat, das schon Monate lang in meiner Hosentasche schlummert.

Was ist schlimmer als die emotionalen Wunden, die auch nach zwei Jahren nicht verheilt sind? Die größte Katastrophe ist, dass die meisten Japaner noch nicht von einer Heimat bei Gott gehört haben.

Kann es sein, dass der Schrei: „Gib es her!“ mir gilt, damit ich ihnen mein Wissen über Jesus Christus nicht vorenthalte?

Jörg-Peter Koch

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