Fünf Dinge, die ich im Slum lernte

Fünfeinhalb Monate lebte ich in einem mittelgroßen Slum, am Rand einer siebenspurigen Schnellstraße in Quezon City, Philippinen. Manggahan wurde mein Zuhause, und mehr als das…

1. Schau dich um, bevor du einen Raum betrittst. Dies bewahrt dich vor einem Herzschlag, falls plötzlich eine Kakerlake oder eine Ratte hinter der Tür hervorschiesst. Diese Gewohnheit hat sich auch in anderen Lebenslagen bewährt. Ich habe gemerkt, dass es sich lohnt, genau hinzuschauen, bevor man eine neue Aufgabe übernimmt. Bevor man zusagt sollte man genau prüfen, ob man dazu in der Lage ist. Es bringt nichts, Projekte enthusiastisch zu beginnen und später frustriert hinzuwerfen.

2. Tanze im Regen und gehe mit dem Strom. Als Engländerin war ich es gewöhnt, über das Wetter zu klagen. Ich war noch nie begeistert vom Regen, obwohl ich nie zuvor in einem Haus mit so vielen Löchern lebte, geschweige denn in einem Land, in den es so heftig regnet. Der beste Weg zum Umgang mit dem unvermeidlichen Regen ist, ins Freie zu gehen und zu tanzen. Es lohnt sich nicht, als einzige Person trocken zu bleiben, wenn alle anderen Spaß haben.

3. Geschirrspülen lohnt sich. Als ich in Manggahan ankam, wollte ich Schulen bauen und das politische System revolutionieren. Mittlerweile weiss ich, dass dies nicht besonders hilfreich gewesen wäre, aber zu Beginn war ich nicht davon überzeugt. Ich versuchte, meine Wut herauszulassen, indem ich das Geschirr wie wild im Seifenwasser abschrubbte. Später lernte ich, den Abwasch “Pinoy-Style” (auf philippinische Art) zu erledigen: man stellt drei große Schüsseln auf den Boden, reibt das Geschirr mit Seife ein und spült die Tassen, Löffel und Teller anschließend mit klarem Wasser ab. Ich hätte nie gedacht, wie viel Spaß die Leute daran hatten, der Missionarin beim Abspülen zuzuschauen. Später erinnerte ich mich daran, dass Jesus auch ein Diener geworden war…

4. Habe immer was zu tun, aber habe auch keine Angst davor, nichts zu tun. Mir wurde klar, dass Gottes Plan für mich in Manggahan war, Freundschaften zu schließen. Das kam mir recht seltsam vor; habe ich den Ozean nur überquert, um Freunde zu finden? Gott ist großzügig, und er tut solche Dinge. Also gab ich mein Bestes, um ständig Menschen um mich herum zu haben. Wenn die Leute kein Englisch konnten, setzte ich mich zu ihnen und las in einem Buch. Wenn ich kein Buch hatte, machte ich mich zum Narren, indem ich versuchte, mit Händen und Füßen zu kommunizieren, oft auch durch Tanz!

5. Die Masse gibt Sicherheit. Wenn ich zu Beginn meiner Zeit die Straßen Manggahans durchquerte, lief ich eilig, den Blick fest auf den Boden gerichtet. Ich hatte Angst und das nicht ohne Grund; dunkle Mächte sind in diesem Gebiet am Werk. Als ich aber begann, die Blicke und Gesten, die Menschen mir zuwarfen, zu erwidern, begann ich, Freunde zu finden. Nach einer Weile fühlte ich mich sicher, denn ich hatte gelernt: wenn die Menschen dich kennen und lieben, werden sie dich auch schützen.

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