Elisabeth Weinmann in Taiwan im Gespräch

Nach 35 Jahren Dienst mit OMF in Taiwan geht Elisabeth Weinmann im Jahr 2021 in Rente. Was Gott durch den Dienst von Elisabeth und ihren taiwanesischen Mitarbeitern aufgebaut hat, ist wahrlich beeindruckend.

Elisabeth Weinmann, TaiwanEin ganzheitlicher Dienst ist entstanden für Verkäufer/innen und andere Beschäftigte in der Dienstleistungsbranche (Restaurantarbeiter, Friseure…): Kleingruppen am späten Abend, Nachtgottesdienste, Wohngemeinschaften für Menschen aus zerrütteten Verhältnissen, ein Second-Hand-Laden, um Verdienstmöglichkeiten für innerlich zerbrochene Menschen zu schaffen und mehr.

In diesem Interview gibt Elisabeth Einblick in ihr Leben.

Warum Jesus? Warum Taiwan?

Frage:Erinnerst du dich noch an den Tag, an dem du ausgereist bist?Elisabeth:

Es war ein eiskalter Tag im Januar 1986.

Frage: Wie alt warst du damals und wie ging es dir beim Abflug?

Elisabeth: Ich war 31 Jahre alt. Mein Vater und einige Freunde begleiteten mich zum Flughafen Frankfurt. Es war das erste Mal, dass ich meinen Vater weinen sah. Er legte seine Hand auf mich und sagte: „Du gehst nach Taiwan. Das bedeutet neuer Segen für unsere Familie und für unser Land.“

Frage: Ein Blick zurück: Wie wurdest du Christ?

Mit 16 Jahren nahm ich Jesus auf einer Jugendfreizeit an. Eine Aidlinger Schwester erklärte so klar und deutlich, warum Jesus für uns sterben musste. Ich verstand und nahm Jesus als meinen Herrn und Heiland an.

Frage: Wolltest du immer schon Missionarin werden?

Das hat bei mir ganz früh angefangen. Mit zwei Jahren lag ich todkrank im Krankenhaus. Die Ärzte hatten mich schon aufgegeben, aber nicht meine Mutter. Sie sagte zu Gott: „Herr, wenn Du ein Wunder tust und mein Kind heilst, dann soll es in die Mission gehen.“

Später war ich Jugendreferentin im Bezirk Marbach. Nach fünf Jahren kam ich sehr ins Fragen, was wohl Gott aus meinem Leben noch machen wollte. Ich legte einen Stillen Tag ein und fing an, den Galaterbrief zu lesen. Ich stieß auf Galater 1,15-16, wo steht, dass Gott Paulus von Mutter Leibe an ausgesondert hat, damit er IHN durchs Evangelium verkündigen sollte unter den Heiden… von Mutter Leib ausgesondert … Mir kam wieder die Geschichte von meiner Mutter und mir im Krankenhaus ins Gedächtnis. „…damit er das Evangelium den Heiden verkündige“. Ich wusste: Gott ruft mich jetzt in die Mission.

Start in Taiwan

Frage: Wie war dein Start in Taiwan?

Mit 31 Jahren ein neues Leben zu beginnen, das ist wie neu geboren zu werden. Eine neue Sprache, Kultur, neue Freunde –  ein faszinierendes Abenteuer. Doch gleichzeitig waren da Angst und Einsamkeit.

Ich kam ja in eine Missionsgemeinschaft hinein, doch noch kannte mich niemand richtig. In mir war immer wieder das Bild: Ich komme unters Auto und sterbe – und keiner weint um mich. Einfach, weil zu diesen neuen Menschen um mich herum noch keine emotionale, freundschaftliche Beziehung da war. Das braucht Zeit. Aber in den zwei Jahren Sprachschule konnten neue Freundschaften wachsen.

Frage: Hast du besondere Erinnerungen an dein Sprachstudium?

Beim Sprachelernen lernt man Geduld. Man sagt so oft etwas falsch, bis man es endlich richtig ausspricht. Aber man lernt auch, über sich zu lachen. Eines Morgens kam die Lehrerin in das kleine Zimmer, wo der Unterricht zwischen uns beiden stattfand. Ich stand auf und wollte sagen: Lehrerin, guten Morgen – „Lau shr dzau an“, doch ich sagte: „Lau shu dzau an“ – Guten Morgen, Ratte!

Ich lernte nicht nur langsam die Kultur der Taiwanesen kennen. Am Anfang wohnte ich mit einer Japanerin und mit einer Amerikanerin zusammen. Da gab es oft größere Unterschiede und auch Konflikte, wie man z.B. Geschirr spült oder die Wäsche wäscht.

Taiwan damals und heute

Frage: Was hat sich in Taiwan in 35 Jahren nicht verändert?

In Taiwan siehst du viele Menschen, überall Menschen. Die Insel besteht ja aus zwei Dritteln Gebirge. So drängen sich über 23 Millionen an der Küstenebene, vor allem in den Städten. Und auf den Straßen fahren unzählige Motorräder. Ich fahre übrigens auch eines. Tag und Nacht ist volles Leben auf den Straßen. Läden und Kaufhäuser schließen erst um 22.00 Uhr. Viele Fastfood-Restaurants haben bis um Mitternacht geöffnet, manche sind sogar 24 Stunden offen. Auch die Schönheit der Insel hat sich nicht verändert. Überall bewaldete Hügel und Berge und eine ganz reiche Vegetation. Nicht zuletzt: Auch die Menschen sind immer noch dieselben. Zu Ausländern sind sie sehr freundlich. Wenn sie Vertrauen zu einem aufgebaut haben, weiß man gut, wo man dran ist: ob sie sich über dich freuen oder ärgern. 

Frage: Was ist nach 35 Jahren in Taiwan völlig anders?

Früher gab es nicht so viele Cafés in Taiwan, da trank man vor allem Tee. Vor ca. 20 Jahren begann man in Taipei mit dem Bau einer U-Bahn. Nun gibt es U-Bahnlinien in jede Richtung. Dadurch können wir in den verschiedenen Einkaufszentren Kleingruppen für Verkäufer/innen anbieten. Kurz vor Mitternacht kommt dann jeder mit der U-Bahn oder seinem Motorrad noch heim.

Kaum Christen unter Verkäufern

Frage: Wie viele Christen gibt es in Taiwan?

Insgesamt 3-4 %, doch unter den Menschen, unter denen ich arbeite, den Arbeitern und Angestellten, da gibt es nicht einmal 1 % Christen. Wenn wir in ein Kaufhaus gehen und an einem Nachmittag mit ca. 150 Verkäufer/innen einen Erstkontakt haben, treffen wir keinen einzigen Verkäufer, der Christ ist oder einen Christen kennt.

Frage: Wie sieht dein Dienst in Taiwan aus?

Wir gehen im Einkaufszentrum von Stand zu Stand und stellen uns vor. Wir erklären, dass wir zu einer evangelischen Kirche gehören und bieten eine Zeitschrift an.

Viele antworten: “Nein, Danke. Ich bin Buddhist und habe meinen Glauben.“ Wenn wir erwähnen, dass wir nach Geschäftsschluss, nachts um 22.00 Uhr, eine Kleingruppe anbieten, fragt mancher neugierig: “Wo ist denn Eure Kirche? Muss ich Eintrittsgeld zahlen, wenn ich euch besuche?“

Ganz toll ist es, wenn jemand sagt: „Ich wollte schon lange mal in eine Kirche gehen. Aber ich bin Buddhist – darf ich trotzdem kommen?“

Keine hoffnungslosen Fälle für Gott

Frage: Stelle uns eine Person vor, die Gott besonders verändert hat.

Kai ist heute unser Pastor, wir kennen uns aber schon seit über 20 Jahren. Damals war er etwa 12 Jahre alt. Seine Mutter hatte die Familie verlassen und war mit einem anderen Mann nach Kanada ausgewandert. Sein Vater zog zu seiner Freundin. So blieben Kai und seine zwei Geschwister alleine zurück in der elterlichen Wohnung. Er schloss sich unguten Gruppen an und erlebte dabei sehr viel Grausamkeit.

Jahre später, als er unter Schlaflosigkeit litt, folgte er der Einladung seiner Schwester in eine Kirche. Dort lernten wir uns kennen. Da er als Koch immer erst nach 22.00 Uhr Feierabend hatte, schloss er sich unserer Nachtkleingruppe an. Er wollte ganze Sache mit Jesus machen und packte überall mit an. Doch seine Vergangenheit lastete sehr auf ihm, er litt immer wieder unter Depressionen. Wenn er einen Wutausbruch hatte, war niemand sicher vor ihm. Doch jedes Mal siegte in ihm die Dankbarkeit über Jesu grenzenlose Vergebung und seine heilende Liebe. Und Jesus heilte ihn.

Wie oft kommen jetzt Menschen zu ihm, die mit inneren Verletzungen, Charakterschwächen und Sünden nicht fertig werden. Kai macht dann dem Hilfesuchenden Jesus groß. ER, unser Erlöser und Heiland, ist mächtiger ist als alle Gebundenheiten.

Frage: Das ist ermutigend! Hast du ein weiteres Beispiel für uns?

Ja, die junge Frau Tian. Ich lernte sie in ihrem Friseursalon kennen. Sie saß damals seelisch in einem tiefen Loch. Ihr Partner hatte Selbstmord begangen. Sie selber war drogen- und alkoholabhängig.

Jahre später erschien sie in eine unserer Kleingruppen für Verkäufer/innen. Sie hatte einen neuen Freund, der aber wegen Drogenverkaufs im Gefängnis saß. Kurz vor seiner Inhaftierung sagte er zu ihr: „Geh in die Gemeinde, wo deine Schwester ist und ziehe in eine deren Wohngemeinschaften ein. Dort bist du sicher aufgehoben.“ Und sie kam.

Die Gemeinschaft mit den Christen war wie Arznei für ihre verletzte Seele. Die Versöhnungstat Jesu wie ein Rettungsseil für sie. Friede erfüllte ihr Herz.

Das gleiche erlebte ihr Freund im Gefängnis. Nach seiner Entlassung heirateten sie. Beide wurden frei von Drogen und Alkohol.

Im Moment helfen sie einem Ehepaar, das in ähnlichen Gebundenheiten steckt.

Umgang in schwierigen Situationen

Frage: Wie können wir für OMF-Mitarbeiter in Taiwan beten?

Am wichtigsten ist mir die Bitte um den Schutz Jesu Christi vor den Angriffen dessen, der Gottes Reich zerstören will. Betet um Schutz für Geist, Seele und Leib.

Wenn man in Taiwan tut im Namen Jesu unterwegs ist, da spürt man den Gegenspieler Gottes, deshalb ruft den Sieg Jesu über die Missionare aus!

Frage: Was waren deine Highlights in Taiwan?

Highlights waren, wenn ich miterleben konnte, wie Buddhisten mit einer oft sehr verworrenen Vergangenheit sich für Jesus und Seine Wahrheit öffneten. Da erlebt man die Kraft des Heiligen Geistes hautnah.

Schön ist es auch, mitzuerleben, wie junge Christen zu Jüngern Jesu werden und lernen, andere im Glauben und in Mitarbeit anzuleiten und verantwortliche Leiter werden.

Frage: Was hat dir in deiner Arbeit am meisten zu schaffen gemacht, und was hat dir dann geholfen?

Ich leide unter Uneinigkeit und Missverständnissen bei Mitarbeitern. Dann bekomme ich Angst und frage mich: wie kann die Arbeit weiter gehen? Es tut weh, wenn jemand die Gemeinde wieder verlässt.

Deshalb bin ich so dankbar, dass wir in Wohngemeinschaften miteinander leben teilen. In solchen Krisen suche ich Mitarbeiter auf, die mein Anliegen verstehen, und bete mit ihnen. Ich kann bezeugen: Jesus hat uns noch nie im Stich gelassen.

“Gott beruft nicht die Begabten, sondern er begabt die Berufenen”

Frage: Wie hat sich dein Glaube in den letzten 35 Jahren verändert?

Je älter ich werde, desto mehr merke ich, wie unfähig ich bin. Ich kann selber nichts ausrichten, was Ewigkeitswert im Reich Gottes hat. Immer deutlicher spüre ich meine Grenzen. Aber das hilft mir, noch mehr als Kind meines mächtigen himmlisches Vaters zu leben und mit seinem Sieg am Kreuz zu rechnen.

Frage: Welchen Ratschlag hast du für Christen in Deutschland oder für Menschen, die überlegen, wie du im Ausland zu arbeiten?

Egal, wo wir gerade leben: lasst uns auf der Suche sein nach Menschen, die uns Christen brauchen oder die offen sind für Seine Wahrheit. Dann sind wir Jesu Herz ganz nahe. Er will, dass wir “alle Völker zu Jüngern machen”. Wenn wir das tun, werden wir auch wissen, wenn wir mit Ihm einen Schritt weitergehen sollen.

Frage: Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Ende Oktober 2021 reise ich als Rentnerin wieder nach Taiwan aus. Wie lange, weiß ich noch nicht. Ich hoffe, dass ichin den nächsten 1-2 Jahren herausfinde, was Gottes Wille für meine Rentnerzukunft ist.

Frage: Wie können wir für dich beten?

Betet, dass sich in weiteren Städten und Einkaufszentren neue Türen auftun, damit wir mehr evangelistische Kleingruppen für Verkäufer/innen gründen können.

Vielen Dank für das Gespräch.

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