Religionsinfo Volkskatholizismus

Die Philippinen sind neben Ost-Timor das einzige christliche Land in Ostasien. Etwa 77% der Bevölkerung gehören zur römisch-katholischen Kirche, und ungefähr 13% der Bevölkerung sind Protestanten. Das Christentum der katholischen Kirche auf den Philippinen ist jedoch mit Animismus vermischt, woraus ein Volkskatholizismus entstanden ist.

Einheimische Ur-Religionen

Die ersten Filipinos waren Animisten. Man glaubte, dass überall Geister wohnten, besonders in Bäumen, Felsen und im Wasser, und opferte ihnen. Orte, an denen man böse Geister vermutete, wurden gemieden. Geister beseelten auch manche Tiere. Weil es viele unterschiedliche Stammesgruppen und Sprachen gab, gab es auch Unterschiede in den Glaubensrichtungen und der Praxis des Animismus.

Aus Berichten aus der spanischen Kolonialzeit sowie aus heute noch vorhandenen Formen von Stammesreligionen wissen wir, dass die ersten Filipinos an einen höchsten Himmelsgott oder Schöpfergott glaubten. Dieser Gott war unsichtbar, sein Name war heilig und wurde nur bei bestimmten Ritualen ausgesprochen. Man glaubte, er sei so weit von der Menschheit entfernt, dass man nur durch niedrigere Gottheiten und besondere Gebete und Rituale Kontakt mit ihm aufnehmen könne. Diese niedrigeren Gottheiten wurden in gute bzw. hilfreiche und bösartige eingeteilt.

Leben nach dem Tod

Die meisten philippinischen Urstämme glaubten an ein Leben nach dem Tod. Die Vorstellung von einem Himmel für Gute und einer Hölle für Böse war ebenfalls verbreitet. Himmel und Hölle wurden in verschiedene Ebenen eingeteilt, zwischen denen sich die menschliche Seele durch das Sammeln von Verdiensten oder
moralische Verfehlungen bewegen konnte. Manche Völker glaubten, dass Seelen an verschiedene Orte gelangten, je nachdem, auf welche Weise sie gestorben waren. Andere gingen davon aus, dass der Mensch mehr als nur eine Seele besaß. Bei zwei Seelen ging die gute in den Himmel und die böse in die Hölle, oder sie blieb auf der
Erde. Manche Stämme glauben noch immer, dass Neugeborene, die kurz vor oder nach dem Tod eines Familienangehörigen auf die Welt kommen, einen Teil der Seele des Verstorbenen erhalten.

Ahnenverehrung wurde ebenso praktiziert wie Kontaktaufnahme mit den Geistern der Verstorbenen, die, wie man glaubte, auf der Erde zurückgeblieben waren oder die Lebenden besuchten. Manche dieser Ansichten sind noch immer Teil der Religion der Urstämme, aber oft mit dem Christentum vermischt.

Römischer Katholizismus auf den Philippinen

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erreichten die Spanier die Philippinen. Die Inseln wurden 1542 nach dem spanischen König Philipp II. benannt. 1565 kam das Inselreich dann unter spanische Herrschaft. Unter den ersten Spaniern waren auch katholische Missionare. Sie missionierten, ließen aber zu, dass der Volksglaube Seite an Seite neben dem Christentum und den Lehren der Kirche existieren durfte. So entwickelte sich der Volkskatholizismus, der heute auf den Philippinen vorherrscht: Animismus und Katholizismus sind darin miteinander vermischt. Katholische Filipinos sehen darin meist keinen Widerspruch.

Spanischer Katholizismus ist charakterisiert durch einen starken Hang zum Tragischen, einer Furcht vor dem Tod oder übermäßiger Beschäftigung mit ihm und von einer religiösen Betrachtung der Wunden Christi und seines Todes. Das Bild, das von Jesus vermittelt wird, ist nicht das des lehrenden oder des triumphierenden auferstandenen Christus, sondern vielmehr das des Gekreuzigten oder des Jesuskindes mit seiner Mutter. Auf den Philippinen sind diese zwei Darstellungen besonders beliebt. Man kennt Jesus als „Santo Niño“ („Heiliges Kind“) oder als „Santo Entierro“ („Heiliger Begrabener“).

Synkretismus und gelebte Frömmigkeit

Der Synkretismus wirkt sich im Alltag der Filipinos aus: In katholischen Gegenden wurden örtliche Geister des Animismus durch Schutzheilige ersetzt. Ein Kruzifix soll wie ein Amulett böse Geister fernhalten. In Bussen oder Taxis sieht man oft eine Figur von Maria oder dem Jesuskind oder einen Rosenkranz zum Schutz der Reisenden. An vielen Stellen findet man christliche Sprüche und Bilder. Heiligenfiguren behüten Privathäuser. Manche ehemals heidnische Orte sehen nach außen hin christlich aus, werden aber weiterhin für animistische oder magische Zwecke benutzt.

Es ist durchaus üblich, dass Filipinos die Messe besuchen und christliche Glaubenssätze übernehmen, gleichzeitig jedoch okkulte Praktiken ausüben. Manche Leute suchen bei Krankheit oder Problemen den Geistheiler auf. Sie bringen Opfer, um die Geister zu besänftigen oder Gesundheit zu erbitten. In Kirchen kann man
Filipinos beobachten, die Figuren von Heiligen berühren oder mit Tüchern abreiben, um Segen und Schutz mitzunehmen. Das betrifft sowohl Leute in ländlichen Gebieten als auch in der Stadt, Gebildete und weniger Gebildete.

Die Philippinen sind auch bekannt für ausgeprägte Karfreitagsrituale. Jedes Jahr lassen sich etwa ein Dutzend Gläubige an Kreuze nageln. Zehntausende Menschen aus dem In- und Ausland nehmen daran teil. Die katholische Kirche kritisiert zwar dieses Ritual, respektiert aber die Art, den Glauben auszudrücken. Den Kreuzigungen gehen bereits am Gründonnerstag Prozessionen von Flagellanten (Geißlern) voraus, die sich mit Gerten und Peitschen den Rücken blutig schlagen.

Philippinischer Aberglaube

Man kann philippinischen Aberglauben in drei Kategorien einteilen:

  1. Vom Animismus geprägter Aberglaube: Glaube an Seelen essende Geister, Tabus bei der Körperwäsche und
    der Besuch von Spiritisten.
  2. Katholische Praktiken, die eine animistische Bedeutung angenommen haben: der Gebrauch von heiligem Wasser oder das Abbrennen von Räucherstäbchen. Formeln von sogenannten Gesundbetern beinhalten häufig entstellte Teile einer katholischen Messe.
  3. Rituale, die biblische Wahrheiten verzerren: Kreuze an Türen sollen vor bösen Geistern schützen, Taschentücher, die über eine Heiligenfigur gerieben wurden und dann auf Kranke gelegt werden, sollen Heilung bringen und anderes.

 

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