Der Schintoismus ist eine Mischung aus alten Religionen und religiösen Riten, die seit vorgeschichtlichen Zeiten in Japan ausgeübt wurden. Die ersten schintoistischen Schriften stammen aus dem frühen 8. Jh. n.Chr. Sie enthalten Mythen, Gebete und religiöse Riten. Es ist jedoch nicht bekannt, wie genau diese Beschreibungen früheren religiösen Praktiken und Glaubensvorstellungen entsprechen.
Wahrscheinlich waren die alten Religionen Japans animistisch, wobei im Mittelpunkt eine übernatürliche Kraft stand, die in der Natur vorhanden war. Das landwirtschaftliche Jahr und die Phasen des Mondes waren wichtig, ebenso die Loyalität gegenüber dem Clan. Örtliche Schamanen repräsentierten die Götter (kami)
und wendeten böse Geister ab. Die Wurzeln des zeitgenössischen japanischen Tanzes sowie der Kunst, Literatur und Musik liegen in alten schamanistischen Riten.
Im 6. Jh. n.Chr. kamen Buddhismus, Konfuzianismus und Taoismus nach Japan. Dies führte dazu, dass die alten japanischen Religionen immer ausgeprägter wurden. Die vielen lokalen Gottheiten wurden zu einem Pantheon von Göttern zusammengefasst; durch offizielle Heiligtümer (Schreine) wurde die Bedeutung lokaler Gewohnheiten und Schamanen verringert.
Buddhismus und Schintoismus
Der Buddhismus wurde etwa um das Jahr 593 n.Chr. zur nationalen Religion erhoben. Dies brachte einem durch jahrelange Clanfehden geschädigten Japan innere Einheit. Die Clans folgten jedoch weiterhin den alten schintoistischen Vorstellungen und sicherten dadurch ihren Einfluss. Im späten 7. Jh. versuchten mehrere Kaiser,
die Einheit des Landes herzustellen, indem sie erklärten, dass die Riten des Schintoismus und die des Buddhismus gleichwertig seien. Zur gleichen Zeit wurde dem Schintoismus eine stärkere nationale Identität gegeben, indem man ihn fest an die kaiserliche Familie band. Dadurch nahm er an Bedeutung zu. Der Stammbaum des Kaisers wurde durch tatsächliche und auch legendäre Kaiser und Kaiserinnen zurückverfolgt bis auf Amaterasu, die Sonnengöttin und Urgroßmutter des ersten Kaisers.
Der Kaiserhof ließ die ersten Schinto-Geschichten aufschreiben, um damit seinen Anspruch auf die göttlichen Vorfahren festzumachen. Das Kojiki (Mythen) wurde 712 geschrieben, das Nihongi (Rituale, Gebete) im Jahr 720.
Vom 8. bis zum 17. Jh. fand zwischen Buddhismus und Schintoismus ein bedeutender Austausch statt. Den Japanern gilt die Heian-Zeit von 794-1185 als eine Blütezeit der klassischen Literatur. Zu dieser Zeit führten die japanischen Buddhisten die Lehre des honji suijaku ein, was „wahre Natur, sichtbare Spuren“ bedeutet. Diese Lehre verband alle Buddhas und Bodhisattvas mit schintoistischen Göttern. Die Schinto-Götter stellte man sich als Ausdruck von Buddhas oder auch als Wächter vor. Der Buddhismus galt als die wahre Natur, wovon die Schinto-Götter sichtbare Spuren waren.
Als Reaktion auf diese Vereinnahmung des Schintoismus durch den Buddhismus entstand im späten 13. Jh. eine Schule des „gereinigten Schintoismus“. Die Anhänger dieser Schule schafften alle buddhistischen Einflüsse ab und betonten die Bedeutung des Schrein-Systems. Durch ein tiefes Bewusstsein der geistlichen Einzigartigkeit
Japans und der göttlichen Natur seiner Kaiserfamilie erhielt diese Art des Schintoismus eine starke Identität.
Dieselbe Schule übernahm dann die Lehre des honji suijaku, nun allerdings mit umgekehrten Vorzeichen: für sie waren die Buddhas und Bodhisattvas sichtbare Spuren der wahren Schinto-Götter.
Nationalismus und Schinto
Als während des 17., 18. und 19. Jh. eine Militärregierung Einheit und Frieden schuf, entstanden aus dem Schintoismus mehr und mehr nationalistische Ideologien. Der Jesuit Francis Xavier brachte das Christentum nach Japan und leitete damit das “christliche Jahrhundert” ein (1549-1649). Man schätzt, dass damals etwa 10% der japanischen Bevölkerung (römisch-katholische) Christen waren. Das Christentum wurde schließlich von der Regierung verboten, um ausländische Einflüsse zurückzudrängen. Der Buddhismus wurde zur Staatsreligion erklärt; außerdem wurden konfuzianische Ideale gefördert, um dadurch Loyalität gegenüber dem Staat
und ein moralisches Pflichtbewusstsein zu schaffen. Je weiter die Zeit fortschritt, umso mehr wurde der Schintoismus von seinen Anhängern als die ursprüngliche und zutiefst japanische Religion dargestellt. Sie beanspruchten die Unantastbarkeit der nationalen Traditionen und die Göttlichkeit der kaiserlichen Familie, was dazu
führte, dass allem Ausländischen immer größeres Misstrauen und Verachtung entgegengebracht wurde.
Im Jahr 1868 wurde die Militärregierung gestürzt, was den Zusammenbruch des gesamten Feudalsystems zur Folge hatte. 1889 wurde ein neues parlamentarisches System eingeführt, das von der westlichen Demokratie beeinflusst war. Nun wurde ein „nicht-religiöser“ Schintoismus gefördert, der jedoch wieder die Göttlichkeit
des Kaisers und die Einzigartigkeit Japans betonte. Konfuzianische Ideale wie Loyalität und Respekt gegenüber Eltern und Alten wurden ebenfalls von der Regierung gefördert.
Schintoismus im 20. Jahrhundert
Die Mischung aus alten Traditionen und moralischen Idealen wurde von Nationalisten benutzt, um Japans Kriegsanstrengungen während des 2. Weltkriegs zu unterstützen. Nach 1945 wurde der Aspekt der Göttlichkeit des Kaisers offiziell aufgegeben und der Schintoismus vom Staat getrennt. Die Unterweisung des Schintoismus an den Schulen wurde abgeschafft wie auch die Pflicht, Schreine zu besuchen.
Schintoismus heute
Die meisten Japaner betrachten sich heutzutage nicht als religiös, aber Japaner zu sein bedeutet gewöhnlich, die Sitten und kulturellen Praktiken des Schintoismus und des Buddhismus zu befolgen. Normalerweise werden Hochzeiten nach schintoistischem oder westlichem Brauch gefeiert, Beerdigungen nach buddhistischem. Etwa ein Viertel der Bevölkerung folgt Sekten und sogenannten neuen Religionen. In Japan gibt es etwa 1 Prozent Christen. Säkularismus und Materialismus in Verbindung mit alten religiösen Traditionen ist die Norm.





