Etwa 40% der Weltbevölkerung basiert ihr Leben auf animistischem Denken, schätzte der schottische Gelehrte Stephen C. Neil. l.. Die meisten der vom Evangelium unerreichten Völker sind animistischer Prägung. Aber auch in den Großstädten wie Sao Paolo, Bangkok oder Taipeh sind große Teile der Bevölkerung durch den Animismus geprägt.
Während die Anzahl der Menschen, die einen „reinen“ Animismus praktizieren, zurückgeht, ist der Animismus innerhalb der Weltreligionen weiterhin stark vertreten.
Funktion des Animismus
- Der Animismus hat das Ziel, Menschen miteinander zu verbinden und Gemeinschaft zu bilden, was in etwa der Aufgabe von Kultur im Allgemeinen entspricht.
- Um diese Integration zu erlangen, braucht der Mensch Macht. Der Animismus vermittelt Kraft oder hilft zumindest, eine Quelle der Kraft zu entdecken. Diese Kräfte können positiv oder negativ gebraucht werden.
- Der Animismus geht davon aus, dass es einen idealen Zustand gibt, von dem wir Menschen entfremdet sind. Der Animismus hilft herauszufinden, welche Geistwesen und Kräfte das Leben beeinflussen, um Böses abzuwehren.
- Aus animistischer Sicht hat die materialistische Welt ein Doppel in der spirituellen Welt und umgekehrt. Korrekte Praxis führt zurück zum idealen Zustand.
- Eine weitere Funktion des Animismus ist, herauszufinden, was für die Zukunft gut ist und wie Kräfte in diese Richtung manipuliert werden können.
Charakteristika des Animismus
Der Animist lebt in einer spirituellen Welt. Der Animismus ist für westlich geprägte Menschen oft schwer zu verstehen, weil wir die Welt vor allem technisch-wissenschaftlich wahrnehmen, während der Animist weitgehend in einer spirituellen Welt lebt.
Die materielle und die spirituelle Welt sind völlig integriert. Animisten teilen die Welt nicht in „säkular“ und „religiös“ auf. Alles Leben ist im Spirituellen eingebettet. Auch Wissenschaft und Medizin sind in eine geistliche Weltanschauung integriert.
Die animistische Welt ist humanistisch-sozialistisch ausgelegt. Humanistisch ist sie in der Hinsicht, dass der Mensch das Zentrum der Welt ist. Dies ist kein Gegensatz zur Tatsache, dass sich der Animist stark mit der Geisterwelt beschäftigt, tut er dies doch vor allem, um die Geisterwelt unter seine Kontrolle zu bringen und für sich nutzbar zu machen.Sozialistisch: Animisten ist das individualistische Denken der westlichen Welt fremd. Der Einzelne ist um die ganze Gesellschaft bemüht. Miteinander zu teilen ist Bedingung, nicht optional.
Der Animismus sucht Ausgewogenheit und Harmonie. Des Menschen Verantwortung ist, Harmonie aufrecht zu erhalten zwischen den spirituellen Kräften und der sichtbaren Welt. Ein Animist sucht Harmonie mit der Umwelt und dem Universum. Ausgewogenheit wird vor allem durch Rituale erhalten. Dadurch werden Konflikte gelöst und Geister zufrieden gestellt. Auch gesellschaftlich ist Harmonie der höchste Wert. Deshalb meidet z.B. das animistische Volk der Karen in Nordthailand den
Wettbewerb oder die offene Auseinandersetzung mit anderen.
Der Animismus beschäftigt sich nicht mit dem „Was“, sondern mit dem „Wer“; nicht mit dem „Wie“, sondern mit dem „Warum“. Im Alltag ist der Animist vor allem an den Fragen „Wer?“ und „Warum?“ interessiert. Wer ist verantwortlich für das, was mir passiert ist? Warum trifft es mich? Warum wurdet ich krank oder in einen
Unfall verwickelt? Wer steckt dahinter? Während westlich geprägte Menschen vor allem fragen: Was ist das für eine Krankheit? Wie wurde ich angesteckt?, haben Geschehnisse für Animisten immer eine Verbindung zur Geisterwelt.
In der animistischen Welt existieren die Geister in jedermann und in allem. Fast alles ist „beseelt“, oder, genauer gesagt: fast alles hat ein spirituelles Doppel. Die jenseitige Welt ist lebendig, sie kommuniziert fortwährend. In der animistischen Welt gibt es das „höchste Wesen“ und die Geister. Sie leben in Bäumen oder in besonderen Steinen oder in Flüssen. Alles, was existiert, hat das Potenzial, mich zu beeinflussen.
Das physische Leben ist mehr als das gegenwärtige Leben. Es umfasst auch die Toten und die, die noch geboren werden. Viele animistische Völker leben in der Tradition der Ahnenverehrung.
In der animistischen Welt haben alle Objekte Kraft und können für Gutes oder Böses manipuliert werden. Macht kann in Anspruch genommen werden, Macht kann manipuliert werden. Man muss dazu nur wissen, wie es geht, z.B. durch weiße oder schwarze Magie. Woher die Macht kommt, ist unwichtig.
Animist sind in vielerlei Hinsicht Materialisten. Für Animisten dreht sich fast alles um Gesundheit, Wohlergehen und Reichtum, welche ein Zeichen für Segen sind. Fast alle Rituale dienen dem Zweck, dieses zu erlangen.





