
Am Ufer des Genfersees gab es vor rund 160 Jahren eine Villa, die Herrn Rossier gehörte. Er hatte eine Tochter, die hiess Fanny. Fanny wuchs in dieser Villa am See auf, liebte den See und die Berge – aber sie war überzeugt, dass sie zu mehr berufen war.
«Du willst nach China gehen, um dort zu missionieren?! Und einer Organisation beitreten, die nicht einmal ein festes Gehalt garantiert? ABSURD!» Herr Rossier war gar nicht glücklich, als ihm seine Tochter von ihren Plänen berichtete. Aber Fanny hatte den Ruf Gottes gehört: «Folge mir nach.» und liess sich nicht davon abbringen.
Am 2. Mai 1878 segelte sie mit der China Inland Mission nach China.
In Shanghai angekommen, lernte Fanny zuerst chinesisch und versuchte sich an das Leben in China zu gewöhnen. Sie lernte auch einen stattlichen Mann kennen, der seit 4 Jahren ebenfalls als Missionar der China Inland Mission in China war: George William Clarke. Am 15. September 1879 heirateten die beiden in Shanghai.
Eine beschwerliche Hochzeitsreise quer durch China
Die verantwortlichen Leiter in Shanghai entschieden dann, die beiden frischvermählten nach Guiyang (Kwei-Yan) zu senden. Dort arbeiteten bereits zwei CIM-Missionare, die dringend Unterstützung brauchten – und Fanny sollte die erste westliche Frau sein, die dort mitarbeitet.
Mit einem kleinen Flussdampfer fuhren sie den Fluss Yangtse hoch und erreichten schon nach wenigen Wochen Wuhan (Hankow). Dort mieteten sie jeweils kleinere Boote, die sie und ihre Gepäck innert zwei Wochen Stück für Stück bis nach Yichang (Ichang) brachten.

Doch von dort an wurde es schwerer. Die Leute betrogen sie oder sie hatten Wasser im Boot und mussten das Boot wechseln. «Sowohl die Zwischenstopps, als auch die Schritte eines guten Mannes werden vom Herrn angeordnet.», pflegte George zu sagen und verteilte noch ein Traktate an die Leute in den Häusern am Fluss.
Kurz vor Weihnachten rammte ihr Boot einen versteckten Felsen und drohte zu sinken. George und Fanny konnten sich an Land retten, auch einiges Gepäck. Aber 11 Kisten mit Büchern schwammen schon bald umher – aber es gelang ihnen, die Kisten wieder rauszufischen. Bald wurden alle Felsen rundherum mit den nassen Büchern belegt, damit sie an der Sonne trocknen.
Am 31. Dezember konnten sie endlich weiterreisen – aber nur bis zu einer kleinen Stromschnelle flussaufwärts. Dort riss das Zugseil und der Masten. Und wenige Minuten später waren sie wieder zur alten Position zurückgespült worden.
16 Tage später erreichten sie doch noch Chongqin (Chung-King) und reisten mit Trägern und Sänften mühsam über die Berge nach Guiyang (Kwei-yang). Am 5. Februar kamen sie dort an, voller Tatendrang und Motivation und besprachen mit den beiden anderen Missionaren, was sie nun tun können.
Freudenfest in Chongqin
«Wir sollten eine Schule für die Jungen eröffnen, damit sie Lesen und Schreiben lernen können.», meinte George zu seiner Frau. Wie eine Antwort von Gott kam am Abend ein Brief von einer Sonntagsschule in London an. Mit genügend Geld, um eine einfache Schule zu eröffnen!
In einem kleinen Laden im Stadtzentrum wurden christliche Schriften verkauft und am Sonntag gepredigt.
George und Fanny liebten diese spannenden Monate in Guiyang – besonders weil am 19. August 1880 ihr erstes Kind, Gershom, zur Welt kam. Gershom bedeutet «Gast in einem fremden Land». Leider starb Gershom bereits 5 Wochen später.
Aber nur wenige Tage später gab es dennoch ein Freudenfest bei der Missionarsgruppe: Sie konnten den wahrscheinlich ersten Christen in der Provinz Guizhou taufen!
Vorbei an Reisfeldern nach Yunnan

Doch George und Fanny zog es weiter nach Westen, in die unerreichte Provinz Yunnan. Dort gab es noch gar keine CIM Mitarbeiter – und schon gar keine Frau. 40 Tage lang mussten sie wandern, bis sie dort waren.
Unterwegs kamen sie an vielen Aussaatbeeten vorbei, wo die Reispflanzen gezogen wurden, bis sie in die eigentlichen Reisfelder verpflanzt werden konnten. George meinte dann: «Die Aussaatbeete für den Reis sehen aus wie grüne Wiesen in den Tälern. Sie sind die Grundlage für viele leere Felder in der Umgebung. Wenn man aber die Aussaat-Pflanzen einfach so lässt, wächst der Reis zu dicht und es gibt keine Ernte. Aber wenn man die jungen Reisstauden verpflanzt, kann der Reis Wurzeln schlagen und einen dreissig- oder sogar sechzigfachen Ertrag bringen. Die Aussaatbeete sind wie die Christen zu Hause – zu dicht, um Frucht zu bringen. Aber wenn man sie in vorbereitete Felder zu Hause oder im Ausland verpflanzt, bringen sie viel Frucht!»
Am 24. Juni 1881 kamen George und Fanny in Dali (Ta-Li), tief in der Provinz Yunnan, an.
Die Landschaft in Dali mit dem See und den Bergen des Himalaya im Hintergrund erinnerten Fanny stark an zu Hause und sie fühlte sich sofort wohl.
Aber die Einheimischen hiessen sie nicht willkommen. Jeder ihrer Schritte wurde beobachtet, es wurden Gerüchte über sie in Umlauf gebracht und die Frauen weigerten sich, zu Fanny ins Haus zu kommen. Dennoch hatten sie einige Schüler an ihrer neu gegründeten Schule, auch wenn die immer wieder davon liefen. Und auch ihre Druckerpresse lief heiss, innert eines Jahres hatten sie 6600 kleine Bücher und Traktate gedruckt.

«Welche Geduld ist für ein neues Werk erforderlich! Nur der Herr weiss, welche Prüfungen wir durchgemacht haben. Es war eine harte Arbeit, sogar um einfach zu überleben» schrieb George in sein Tagebuch.
Obwohl George und Fanny sehr einsam waren – die Post brauchte Monate bis zu ihnen – verloren sie nie die Zuversicht in Gott. Immer wieder entdeckten sie ermutigende Bibelstellen und konnten Schriften und Zeugnis an die Chinesen weitergeben.
Abschied nehmen und Hoffnung spenden
Am 20. August 1883, rund zwei Jahre nach ihrer Ankunft, kam Samuel Tali auf die Welt. Er war das erste Kind von ausländischen Eltern in der Provinz Yunnan.
Leider wurde Fanny nach der Geburt immer schwächer und konnte kaum essen. Der nächste westliche Arzt war 47 Tagesreisen entfernt. «Wenn ich in den Himmel komme, möchte ich als erste Jesus sehen. Ich werde ihm zu Füssen fallen und ihn anbeten; die nächste Person ist unser lieber Gershom. Dann werde ich einen kleinen Jungen im Himmel haben und du einen auf der Erde.» sagte Fanny, bevor sie am 7. Oktober 1883 starb. Als die Nachbarn neugierig vorbei kamen, um die aufgebahrte Tote zu sehen, waren sie erstaunt über das Lächeln des Friedens, das auf ihrem Gesicht zu sehen war. So etwas hatten sie noch nicht erlebt.
Nachdem er seine Frau beerdigt hatte, kehrte George zusammen mit dem neugeborenen Samuel in das nun noch einsamere Haus zurück.
Am nächsten Tag schrieb er in sein Tagebuch: «Ich habe meinen Kummer ein wenig begraben, indem ich Studenten aus vierzehn Provinzen, die zur Prüfung anstanden, unter freiem Himmel das Evangelium predigte. Ich bin sehr darauf bedacht, so viel Samen wie möglich in ihre verstreuten Häuser zu tragen. Der Teufel kämpft gegen jeden Lichtstrahl… Dieser schwerste Schlag in meinem Leben war ein solcher Segen für mich. Der Herr war ein solcher Segen für meine Seele, mehr noch als damals, als meine Geliebte bei mir war. Der Himmel war noch nie so real und so ersehnt. An meinem Hochzeitstag segnete ich Gott, und als sie mir genommen wurde, sagte ich, ich werde den Herrn allezeit segnen.»
Fünf Monate später, im März 1884, konnte George Ren-Sen, den ersten Schüler ihrer Internatsschule, taufen. Er war der erste einheimische Christ in der Provinz Yunnan.
George Clarke verliess ein Jahr später Yunnan, da er niemanden hatte, der sich um Samuel Tali kümmern konnte. Aber er blieb in China, um in anderen Provinzen von Jesus zu erzählen. Er heiratete nochmals und blieb bis zu seinem Lebensende 1919 in China.
Fanny wurde nicht alt. Sie hatte eine reiche Familie verlassen, um Gott zu dienen. Aber noch heute begeistert sie Menschen durch ihre Treue für Gottes Reich. Sie hat der Welt mehr hinterlassen als ihre restliche Familie am Genfersee.
Die Biographie von Fanny Rossier
Geschrieben von Agnes Clark, Tochter der zweiten Frau von George William Clarke: